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Grosse Glücksgefühle (AZ 1.12.2011)

Andreas Fleck, künstlerischer Leiter der Chaarts hatte es geschafft, die 70-jährige Jahrhundertpianistin nach Boswil zu locken. Alsbald begannen die nächtlichen Proben.
Doch stopp, das skurrile Ringsherum geht uns nicht an. Fast nichts.
Oliver Schnyder zeigte in Liszts «Malediction» op. 131, wie angriffig einer spielen kann, der Flügel dabei aber dennoch bloss mit
Mass donnert. Ein Kunststück, an dem in der Alten Kirche schon Pianistengrössen
wie Fazil Say scheiterten.
Erneut – welch prächtige Verschwendung! – musste das Duo Argerich/Delahunt die Leute aufwärmen, ja neu einstimmen: Unheimlich grandios
taten sie das mit Liszts «Concerto pathétique» op. 258. Allein dieses improvisiert wirkende Ungestüm, das in famosen Klangschichtungen, ja wahren Klangmassiven gipfelte, war der Konzertbesuch wert.
Doch nun kam das, wovon wir in Boswil in 12 Jahren noch sprechen werden: Argerich präsentierte Schostakowitschs 1. Klavierkonzert für
Klavier Trompete und Streicher. Selbstmörderische Ausgelassenheit Jetzt spielten sich die Chaarts, Trompeter Immanuel Richter und Argerich gegenseitig in den Rausch. Kaum warf die Pianistin den Kollegen die erste Grossartigkeit vor, wurde sie auch schon gierig aufgenommen und weitergeführt. Diese selbstmörderische Ausgelassenheit zog unweigerlich in den Bann. Doch wie Argerich die kleinen, leisen Töne charaktervoll gross machte, war genauso eindrucksvoll. Wer über einzelne Passagen – hinreissende Takte! – zu staunen begann, machte einen Fehler, merkte nicht, wie kühn der Bogen war, den Argerich über das ganze Werk legte. Wers nachhören
will: Youtube bietet die Möglichkeit.

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Ein neuer Stern am Flötenhimmel (Basel Landschaftliche 27.10.2011)

Offenbar braucht es marktschreierische Superlative um ein grosses Publikum zum Flötenkonzert zu verführen Auf Werbeplakaten wird Loic
Schneider als die «Nr l der ATP Weltrangliste» angepriesen er sei das grösste Flöten Talent seit EmmanuelPahud» Derartige Vorschusslorbeeren liest der kritische Konzertgänger zwar mit einer gewissen Skepsis er muss allerdings zugeben dass der 30 jährige französische Flötist in der Tat so ziemlich alles gewonnen hat was es an wichtigen Musikwettbewerben zu gewinnen gibt.
Letztes Jahr konnte er gar den renomminierten ARD Wettbewerb in München für sich entschieden Und wer sich auf Youtube anschaut mit
welch atemberaubender Virtuosität der Musiker die wahnwitzigen Unmöglichkeiten in Jfoaquin Rodrigos Flötenkonzert meistert kommt aus dem Staunen kaum heraus.Loic Schneider ist zweifelsohne ein strahlender neuer Stern am Flötenhimmel.
Sein Konzertprogramm auf der Tour mit den vom Cellisten Andreas Fleck gegründeten Camber Artist ist ein Fest für Flötenfans In Konzer
ten von Antonio Vivaldi und Carl Philippe Emanuel Bach dem Mozart Flötenquartett KV 298 und Frank Martins «Ballade» präsentiert Schneider in einer veritablen Tour de Force die ganze Bandbreite seines beachtlichen Könnens Die Läufe perlen mühelos die Tongebung ist überaus nuanciert Übergänge gestaltet er mit viel Fantasie und Spielfreude die ganze Bandbreite seines beachtlichen Könnens Verzierungen sind stets geschmackvoll und variantenreich Vor allem aber ist Loic Schneider aufmerksamer Primus inter Pares Er und die elf Musiker der Chamber Aartists spielen sich mit ansteckender Spielfreude die musikalischen Bälle zu.
In einer Verschnaufpause für den Solisten spielen die Aartists Francesco Geminianis Concertogrosso «La follia» Es basiert auf den Variationen für Violine und Basso continuo von Arcangelo Corelli Die Musiker verknüpfen die 24 Variationen zum packenden Ganzen Spannend ist es den Weg des Follia Themas durch alle Veränderungen hindurch mitzuverfolgen.
Bei aller Begeisterung für den sympathisch bescheidenen Flötenstar bleibt ein kleiner Wermutstropfen. Wie bei vielen anderen Flötisten der jüngeren Generation fehlt es Schneiders Flötenton an unverwechselbarer Charakteristik und Individualität. Was den grossen «Alten» wie Peter Lukas Graf Auréle Nicolet Jean Pierre Rampal oder James Galway mühelos gelingt bleibt Loic Schneider verwehrt. Man liebt oder hasst deren Macken Eigenheiten Ecken und Kanten und erkennt sie nach zwei drei Takten an ihrer Tongebung erkennen.

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Rasant durch acht Jahreszeiten (Berner Zeitung 3.09.2011)

Selbstverständlich bekommt es Klassischer Musik gut, vom Sockel geholt zu werden. Natürlich laden Antonio Vivaldis und Astor Piazzollas «Vier Jahreszeiten» zu Experimenten ein. Und ohne Zweifel ist der Geiger Gilles Apap ein Virtuose, der die Stilpalette von Fiddle bis Gipsy beherrscht. Doch legt er es so darauf an, ausgefallen und frech zu spielen, dass es schwer fällt, seine Interpretationen ernst zu nehmen. Um dem Programm, das er am Mittwoch im Berner Yehudi Menuhin Forum spielte, noch Multikulti-Flair zu verleihen, umrahmt der in Kalifornien lebende Algerier das Jahreszeitendoppel mit irischen Volksweisen.
Man fragt sich, welche Vivaldi-Konventionen Apap eigentlich brechen will, warum er sich beim Spielen um seine eigene Achse dreht, ob er vielleicht lieber Rockstar geworden wäre. Das überaus schwungvolle Ensemble Chaarts, gegründet von Andreas Fleck, dem Kulturpreisträger der AZ Medien, steht im Halbkreis um den tänzelnden Solisten und erwidert seine affekt- und effektgeladene Tonakrobatik: Da wird mit technischer Bravour Vivaldis perkussive Seite ausgekostet, mit Pizzicati jongliert, amCembalo gejazzt (Naoki Kitaya) und
sich im donnernden «Herbst» nicht gescheut zu singen oder gar zu pfeifen.
Der in der Schweizer Tanzszene hoch geschätzte Bandoneonist Marcelo Nisinman aus Buenos Aires hat diese «Cuatro Estaciones Porteñas» für Bandoneon, Violine, Cello, Klavier und Streicher neu arrangiert. Durch die aufgestockte Besetzung wirkt die in Bern erstmals erklungene Version überladen, auch hier wird mit Wucht interpretiert und zügellos verschnörkelt. Dennoch funktioniert es. Denn Marcelo Nisinman spielt das Bandoneon mit seltener Vitalität und Präzision. Selbst in den wilden Läufen mit schwindelerregendem Tempo hat jeder Ton seinen Platz.
Es funkt im Duett während sich Nisinman völlig dem Temperament und der Melancholie des Tangos hingibt, greift Gilles Apap auf die vertraute irische Stilistik zurück. Im Duett steigert sich die ungebremste Spielfreude der Solisten zu einer spannenden Mischung.
Sie toben sich aus und das Publikum tobt mit, steht, klatscht im Takt, ruft Bravo – kaum zu vergleichen mit dem zögerlichen Schmunzeln
in Vivaldis Jahresverlauf.

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CHAARTS berauschte das Zürcher Publikum (NZZ 4.4.2011)

4. April 2011, Neue Zürcher Zeitung
Viel gewagt und viel gewonnen
Die Chamber Aartists berauschten das Zürcher Publikum
Jenny Berg ⋅ Kann Musik trunken machen? Sie kann. Anders ist es nicht zu erklären, dass am
vergangenen Freitagabend ein nicht geringer Teil des Publikums im Kleinen Saal der Tonhalle
Zürich kicherte, schwatzte und jede unkonventionelle Art der Klangerzeugung mit allerlei Lauten
des Erstaunens kommentierte, während auf der Bühne die Mitglieder des Tecchler-Trios Dieter
Ammanns «Après le silence» von 2004 aufführten – und um Fassung rangen.
Eine ungünstige Programmdramaturgie einerseits, eine exzeptionelle musikalische Darbietung
andererseits war für diese ausgelassene Stimmung verantwortlich. Die Chamber Aartists, kurz
Chaarts genannt, hatten den Abend mit Antonín Dvořáks Serenade op. 44 für Holzbläser, Violoncello
und Kontrabass eröffnet – ein aufgrund seiner Besetzung selten aufgeführtes Werk. Doch so, wie es
hier gespielt wurde, mit dieser zwingenden Präsenz, dieser vielschichtigen und vielfarbigen
Klangfülle, dieser so lebendigen Musikalität, die alle Vorzüge von Dvořáks Melodienreichtum
herausstrich und die harmonischen Wendepunkte so kontrastreich gestaltete, als sei diese Serenade
die verheissungsvolle Ouvertüre zu einer dramatischen Oper, ja, so hätte man das Werk gerade noch
ein zweites und drittes Mal hören wollen. Das Publikum jubelte, war aufgepeitscht von dieser
pulsierenden Interpretation. Daran änderte auch Dvořáks «Waldesruhe» op. 68 für Violoncello und
Orchester nichts: ein kurzes, recht simples Werk, vom Solisten Maximilian Hornung warm in
schwelgend-wattiges Vibrato gehüllt. So eingestimmt fand man sich dann in einer ganz anderen
Klangwelt wieder: Die Besetzung schrumpfte von Kammerorchestergrösse zu Klaviertrio, die
Klangsprache von romantischer Fülle zu schlanker Atonalität, der Duktus von dichten Wogen zu
durchbrochenen Versatzstücken. Der Titel von Dieter Ammanns Klaviertrio «Après le silence» spielt
auf den Entstehungsprozess an: Ammann fand erst nach einer für ihn ungewohnt lang andauernden
inneren Stille zu dieser Musik, und das Unbedingt-komponieren-Wollen spiegelt sich in ihr ebenso
wider wie die explosive Befreiung des Endlich-komponieren-Könnens. Kleine Tongruppen aus hart
in die Saite gepressten Bogenstrichen oder peitschenden Pizzicati bilden dabei die klanglichen
Keimzellen, formen sich zu einer dicht gewebten Struktur voll hämmernder Wiederholungen – bis
am Ende nur noch ein leises Geräusch übrig bleibt.
Sehr pointiert, sehr kantig interpretierte das Tecchler-Trio dieses Werk, sehr solide dann auch das
Tripelkonzert von Ludwig van Beethoven. Hier wurde auf Sicherheit gespielt, und auch wenn das
Chaarts-Orchester ungemein wach und flexibel agierte und zu einem beeindruckend homogenen
Klangbild fand, so vermisste man doch die Akzente setzende Hand eines Dirigenten. Der Rausch des
Publikums indes wurde aufs Neue angefacht: Das stete Insistieren auf die Beethovenschen Sforzati
verfehlte auch hier seine Wirkung nicht.

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SILENCE Aarau (AZ 1.4.2011)

Die Kleinformation zeigt selbstbewusst Grösse Klassik Die Chamber Aartists (Chaarts) überraschen in Zürich und Aarau zusammen mit dem famosen Tecchler-Trio VON CHRISTIAN BERZINS
Um jene vier Takte nochmals zu hören, würden wir heute Abend nicht bloss nach Boswil fahren, nein, da wären morgen die 360 Kurven von
Chur hinauf nach Arosa ebenfalls kein Hindernis. Wie Cello und Kontrabässe zu Beginn des Tripel-Konzertes von Ludwig van Beethoven aus
dem Nichts auftauchten, war geradezu unheimlich. Die Chamber Artist beziehungsweise das halbe Dutzend Bässe und Cellisten machten aus der oft viel zu flott gespielten Einleitung ein Drama voller Spannung. In keinem anderen Moment des Abends wurde schöner an das Abendthema «Silence» erinnert. Ganz ohne Dirigent notabene. Denn auch wenn die zusammengewürfelte, aus einem festen Kern bestehende Formation für einmal in Grossbesetzung von 35 Musikern auftrat, verzichtete man auf einen Dirigenten. Ein Risiko, das sich
auszahlte. Denn neben dieser Handvoll Takte gab es am Donnerstag im Aarauer KuK (und gestern in der Zürcher Tonhalle) noch mehr zu hören.
Viel mehr. Ganz zu Beginn die Bläserserenade op. 44 von Antonin Dvorak. Wie sich da Klarinette und Oboe im zweiten Satz Zärtlichkeiten zuflüsterten, wie Cello und Horn als Kuppler wirkten, wie die Fagotte das Geschehen trotzig kommentierten, war zauberhaft. Der freche Geist, der diese Musiker beflügelt, war in schönster Weise zu spüren. Wann sonst blasen die Hörner die Schlussfanfaren mit solcher Waghalsigkeit?
Wen wunderts, dass die drei Solisten des Abends bestens ins Gros passten: das so spielfreudige Tecchler Trio mit Pianist Benjamin Engeli, Violinistin Esther Hoppe und Cellist Maximilian Hornung. Vergleich mit ASO: Interessanterweise spielte das Aargauer Symphonie Orchester Beethovens Tripelkonzert vor drei Jahren mit dem renommierten, aber eben auch überroutinierten Guarneri-Trio. Das ASO war damals ein konzentrierter Begleiter. Ganz anders vorgestern: Die Chaarts und das Tecchler-Trio übertrumpften sich im kühnen Wettstreit. Wenn Geigerin Esther Hoppe meinte, sie hätte nun die schönste Phrase des Abends gespielt, da entgegnete ihr Hornung am Cello mit einer ganz neuen Variante – um dann vom Orchester-Tutti vielleicht die dritte zu hören. Vermittler Engeli am Flügel verteilte die Ideen wie
Spielbälle. Was nun nach Jekami tönen mag, war vielmehr eine wunderbar inspirierte Aufführung, die den Ton Beethovens prächtig traf.
Seine Klasse zeigte das Tecchler-Trio schon in «Après le silence» für Klaviertrio, einem sechs Jahre jungen Werk des Zofinger Komponisten Dieter Ammann (*1962). Das Trio hat diese Komposition oft gespielt – und wahrhaftig verinnerlicht. Wird ein Ammann-Werk so konzentriert und inspiriert aufgeführt, dann merkt jeder, dass es da nicht «einfach» um das Ausreizen von Abgründen und das Erreichen der Himmelsgegend geht. Dann werden vielmehr Formen und überraschend neue Hörwege klar – vor allem zwischen Cello und Klavier bzw. Engeli und Hornung. Überragender Cellist Ehre, wem Ehre gebührt. Noch im ersten Teil spielte Maximilian Hornung «Waldesruhe» für Cello und Orchester von Antonin Dvorak: nicht als Schmusestück, sondern mit belebtem, innigen Ton. Ein die Überfülle an Schönheit kommentierendes Augenzwinkern war auch dabei – passend zur jugendlichen Modernität der Chaarts.

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Virtuose Saitenklänge heizten ein (Luzerner Zeitung 1.3.11)

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Ein Klassiker in neuem Klangkleid (Berner Zeitung 29.11.10)

Eine Singstimme. Ein Klavier. Mehr braucht es eigentlich nicht.
Schuberts «Winterreise» schöpft ihre Poesie und Radikalität nicht zuletzt aus den schlichten Klangmitteln mit denen der Kosmosdes einsamen Wanderers heraufbeschworen wird. Als verschmähter Liebhaber ist er aufgebrochen. Nun wandert er ziellos durch die starre Winterlandschaft hin und her gerissen zwischen Nostalgie und Verzweiflung zwischen Todessehnsucht und seltsamem Übermut. Vergangenheit und Gegenwart Innen und Aussenwelt mischen sich in den 24 Liedern zu gespenstischen Impressionen voller Andeutungen und Zwischentöne
Elegischer Fluss.

An diesem Abend im Zentrum Paul Klee ist manches anders. Nicht weniger als zehn Musiker umrahmen den Sänger der im gut geheizten Konzertsaal durch die virtuelle Winternacht streift. Christoph Pregardien einer der renommiertesten deutschen Liedsänger und das Chamber Aartists Orchestra stellen das epochale Werk in einer Fassung für Bläserquintett und Streichquintett vor.
Die Befürchtung dass die Lieder in einer Klangsauce ertränkt werden erweist sich als unbegründet. Die dezente Instrumentierung trägt dazu bei vor allem aber das Ensemble selbst. Natürlich wenn das Doppelquintett seinen Vollklang ausspielt dann dehnt sich Schuberts Werk gehörig in die Breite. Wenn der Protagonist ins Ungewisse aufbricht werden die schreitenden Klavierakkorde zum elegischen Fluss der fast schon irritierend warm und farbenreich daherkommt. Und mitunter droht die Aufführung gar ins Plakative abzurutschen im «Postlied» etwa wo eben kein imitierendes Klavier sondern ein echtes Post Horn zu hören ist.
Doch der Zugriff des Ensembles bleibt stets differenziert und frei von Pathos zwei Tugenden die auch den grossen Schubert Inter
preten Christoph Pregardien auszeichnen.

Der deutsche Tenor entwirft nicht nur ein stimmiges Psychogramm des Unbehausten. Zusammen mit dem Ensemble verleiht er dem Werk eine atmosphärische Spannung die bloss einmal durchbrochen wird durch ein zeitgenössisches Stück von Aribert Reimann. «Metamorphose über ein Menuett von Schubert» das an diesem Abend zwischen die beiden Teile des Zyklus eingefügt wird.
Das achtminütige Werk steht für jene acht Monate die der Komposition des zweiten Teils der «Winterreise» vorausgingen. Mit seinen klanglichen Extremen verweist es aber auch auf die «Winterreise» selbst die den wandernden Protagonisten zunehmend in ein surreales Licht rückt Hier im zweiten Teil mit seiner extravaganten Musik kann auch die vielstimmige Orchesterfassung ihr volles Poten
zial ausspielen. Am Ende landet Schuberts verhärmter Solitär beim «alten Leiermann» dem personifizierten Tod. Und auf das Publikum wartet die reale Winternacht.

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Risiko mit Charme (AZ 9.1.2010)

Das Chamber Aartists Orchestra präsentiertein Zürich und Bern sein zweites Programm.
Worüber die Zürcher am Mittwochabend in der Kirche St. Peter staunten, werden die Boswiler und Aarauer bald sehen und hören: Das Chamber Aartists Orchestra (Chaarts), Nachfolgeensemble des Aargauer Kammerorchesters, meisterte den zweiten Auftritt in seiner gerade mal zweieinhalb Monate alten Geschichte mit Herzblut und Intellekt.Das von Andreas Fleck entworfene Programm nämlich, dessen Rahmen fast schon frech populär ist, erhielt durch den Einschub einer genialen Rarität eine ungeheuerlich spannende Dramaturgie.
Bevor also vom famosen Cello-Solisten Thomas Demenga zu erzählen ist, muss gleich von diesem Programmkern geschwärmt werden – von Erwin Schulhoffs (1894–1942) im Jahre 1924 vollendetem Streichsextett.
EINDRÜCKLICH, wie nah die von Violinist Jürg Dähler angeführte Formation das bekenntnishafte Werk den Hörern nahebringen konnte. «Hört her!», schien jeder Musiker zu sagen.Mit jeweils sehr persönlichen Mitteln setzte man den Ansatz um. Ja, diese Zusammensetzung kaschierte die Unterschiedlichkeit der einzelnen Musiker nie. Herrlich der Reiz, wenn die ungleichen Cellisten Demenga und Erich Oskar Hütter miteinander korrespondierten. Und doch gab es in dieser Feier der Persönlichkeiten einen gemeinsamen Nenner: den Ausdruck und die Risikofreude.
Zuvor nun wars genauso ein Aufeinanderhören, auch mal ein freches Überspitzen: In Joseph Haydns Cellokonzert in D-Dur rutschte man mit einer schelmisch- süssen Untertreibung hinein: «Ihr werdet schon noch staunen! », verhiess das. Und tatsächlich: Thomas Demengas sanfte Differenzierungs- und Schattierungskunst liessen das altbekannte Werk jung und frisch erscheinen.
Nur vermeintlich gewichtiger wurde das Spiel nach der Pause mit Antonin Dvoraks Serenade für Streicher op. 22. Die Behäbigkeit zu Beginn verströmte einen pastoralen Charme, der allerdings im Menuett einer Leichtigkeit hätte weichen sollen. Die Akzente im angriffigen Finalsatz gelangen um einiges besser.

CHRISTIAN BERZINS

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HYMNUS (AZ 29. Mai 2010)

J. S. Bach auf Urlaub in Brasilien
Die Chamber Aartists führen in immer neuen Besetzungen hervorragende Musiker zueinander. In Boswil waren es acht Cellisten und die Sopranistin Katrin Lüthi.Da wird geflaxt, da wird gelächelt, da wird einander zugezwinkert. Und das in einem Herrenklub! Man sieht: acht Cellisten, eine Freundschaft. Dabei haben die Musiker in dieser Besetzung noch gar nie zusammen gespielt. Und vielleicht gerade deswegen spürt man besonders die Freude, die Leidenschaft und die frische Lust am Musizieren, die das pralle Leben vermitteln will. Mal ist die Musik heiter, dann plötzlich wieder aufbrau- send und voller Leidenschaft. Aber immer voller Hingabe.

NICHT VON UNGEFÄHR, dass sich die Chamber Aartists gleich zu Beginn ein Werk vornehmen, das ebenfalls von einer grossen Zuneigung geprägt ist: die «Bachiana Brasileira, No 1» von Heitor Villa-Lobos. Die Suite ist Ausdruck einer grossen Liebe und Verehrung für Johann Sebastian Bach, ohne dass der brasiliani- sche Komponist dabei seine Heimat vergessen hätte – eine atem- beraubende Liaison von südamerikanischem Feuer und mittel- europäischem Formbewusstsein.
Und das hört man auch bei den Chamber Aartists: Flirrende Tropenhitze, schwelgerische Saudade und Bachs vertrackte Kontrapunktik finden alle un- term Dach tief empfundenen Cellospiels Platz. Dabei glätten die Musiker die Gegensätze der Kompositionen nicht aus, sondern lassen sich darauf ein. Die langsamen Tempi werden meditativ ausgekostet, die avancierte Harmonik geniesserisch ausgelotet. Es war ein Fest ungezügelter Klangpracht, als ob Bach in Brasilien Urlaub machen würde. Und dass im Urlaub auch ein Sonnenuntergang nicht fehlen darf, zeigte dann die «Bachiana Brasileira No 5», in der die Schönheit der Dämmerung be- sungen wird. Hier gesellte sich die Sopranistin Katrin Lüthi zu den acht Cellisten. Ihre flexible Stimme schmiegte sich an den warmen Celloklang ihrer Mit- musiker; fernab weichgespülter Romantik oder falscher Leiden- schaft fühlte sie sich souverän in das tropische Fluidum ein. Dabei drang sie tief in die südliche Melancholie vor, ohne die Pathoskeule auszupacken. Da Ensemble bot die nötige Klanpracht ebenso wie die unabdin bare filigrane Leichtigkeit, und wunderbar, wie es gerade Manuel De Fallas «Siete cancione populares españolas» nicht allzu vordergründig ins Spanisch-Fokloristische abgleiten liess.
STATTDESSEN malten die Musiker zarte Farben und fein Schattierungen und verstärkte so wirkungsvoll gerade die geheimnisvollen Züge der Lieder. Hier waren sie weniger feurig Südsterne, dafür aber klar Nordlichter!

TOM HELLAT

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Hervorragend gespieltes Tuttifrutti

Das Aargauer Kammerorchester gibt es nicht mehr. An seine Stelle ist das “Chamber Aartists Orchestra” gerückt. Ohne festen Dirigenten, aber mit grossen Solisten geht man neue Wege.

Da wird ein neues Ensemble gegründet und beim Eröffnungskonzert fühlt man sich wie bei einem überbordenden Tuttifrutti-Buffet. Von Käsekuchen über Schokoladencreme bis hin zum Rauchlachs, es hat für jeden etwas und noch viel mehr. Klassik, Jazz und Pop – Haydn, Daniel Schnyder und Jimmy Hendrix geben sich in immer neuen Formationen ein Stelldichein. Ist man da als Zuhörer etwa pikiert, weil die Hörgewohnheiten durcheinandergeschüttelt werden? Langweilig wird es auf alle Fälle nicht. Und das Ziel des Orchesters ist offensichtlich: die Kluft zwischen den starren Formen eines traditionellen Orchesters und dem Zugehen auf das Publikum zu verringern. Dabei gehen die Chamber Aartists von dem Prinzip aus, dass ein Orchesterinstrument nicht mehr einem in den Grundzügen immer gleichen, sondern vielmehr einem in seiner Zusammensetzung häufig wechselnden Apparat angehöre.

KEIN GEWÖHNLICHES

Eröffnungskonzert also. Man könnte sogar von einer Art Brautschau sprechen oder von einem tönenden Bewerbungsschreiben. So oder so: Das Konzert ist ein historisches Konzert, es wird im Aargau Folgen haben. Denn die Musiker sind hervorragend. Ein jeder könnte Solist sein und so wechselt auch für jedes Stück der Konzertmeister. Die Solisten spielen, sofern sie nicht vorn im Rampenlicht stehen, im Orchester mit. Ein schöner, wenn auch unbeabsichtigter Nebeneffekt, damit das Orchester gleichmässig ausgeleuchtet war, im Schatten stand jeweils nur: der Solist.
Musikalisch strahlten die Solisten aber durchaus. Der Pianist Oliver Schnyder überzeugte in einer kraftvollen und humoristischen Interpretation eines Haydn-Klavierkonzerts. Aber auch in den lustvollen, dem Jazz zugewandten Stücken des Komponisten Daniel Schnyder fand er den richtigen Ton. Dass dann Daniel Schnyder auch gleich selbst einige seiner Stücke interpretierte, hatte seinen besonderen Charme. Ob er mit dem Saxofon über einen ungarischen Tanz von Brahms improvisiert oder Jimi Hendrix’ “Purple Haze” für Streichconsort umsetzt – Schnyders Musik und seine Interpretationen kennen keine Schubladen, nur offene Türen. So passte seine Musik gut zum Eröffnungskonzert des neu gegründeten Ensembles.
Ein Feuerwerk der Virtuosität zündete der Geiger Alexander Sitkovetsky in den rassigen Zigeunerweisen von Pablo de Sarasate. Man spürte, dass Musik das Esperanto des Gefühls ist. Und auch der Dirigent Massimiliano Matesic trat, sofern er nicht dem Pianisten die Noten blätterte oder Stühle wegräumte, als umsichtiger und engagierter Regisseur auf. Aber Hauptdarsteller des Abends blieb das Ensemble. Das Zusammenspiel war geprägt von grosser Spielfreude und einem Klang, der an Schärfe und Intensität nichts zu wünschen übrig liess. Kammermusik im besten Sinne des Wortes. Ein solch starkes Ensemble lässt auf vieles hoffen. Auch darauf, dass aus dem Tuttifrutti-Buffet ein stimmiges Mehrgang-Menü wird.

TOM HELLAT

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So virtuos spielt keiner Blockflöte (BLZ 18.9.2010)

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Eine Klasse für sich (Churer Zeitung 5.4.2011)

Nachdem die Ausnahmegeigerin Bettina Boller zusammen mit den Bündner Musikern Flurin Cavie- zel und Franco Mettler am Sams- tagabend in der festlich ge- schmückten katholischen Kirche gegen 150 Zuhörerinnen und Zu- hörer in ihren Bann zog, folgte am Sonntagabend in der evangeli- schen Dorfkirche gleich ein weite- rer musikalischer Leckerbissen. Gemeinsam mit dem bestbekann- ten Tecchler-Trio (Esther Hoppe, Violine; Maximilian Hornung, Violoncello; Benjamin Engeli, Klavier) trat das Chamber Aartists Orchestra (Chaarts) in einem gut zweistündigen Programm auf.

Unverbraucht kreativ
Das Ensemble Chaarts wurden erst 2010 gegründet und entstand aus der Idee, Kammermusiker in einem Orchester zusammenzufüh- ren. In der konkreten Ausführung dieser Idee ergibt sich im Hinblick auf eine Zusammenarbeit mit So- listinnen und Solisten zwangsläu- Hg eine künstlerische Arbeitswei- se, welche sich auf Augenhöhe mit diesen Partnern abspielt. Das er- gibt, wie das Konzert in Arosa zeigte, auf der einen Seite eine «Klasse für sich»: die solcherart wechselnden Perspektiven von Solist, Kammerensemble- und Or- chestermitglied führen zu unver- braucht kreativen, zuweilen über- raschend klingenden Resultaten. Gestandene und ihr in langen Jah- ren erarbeitetes Repertoire abspie- lende Berufsorchester bleiben in dieser Beziehung in aller Regel auf der Strecke.
Auf der anderen Seite birgt ein aus technisch und musikalisch hochmotivierten und an eine ge- wisse Selbstständigkeit gewohnte Individualisten gebildetes Ensem- ble die Gefahr, dass sich diese Ei- genständigkeit auch in der Gross- formation abbildet. Diese noch nicht auf allen Ebenen und zu jeder Zeit hörbar erreichte Homogenität ist eine Aufgabenstellung, die nach einem so kurzen gemeinsa- men Weg des Zusammenspiels kaum möglich ist, zu lösen.
Abgesehen davon aber war es ei- ne Ohrenweide, den Bläsern in Antonin Dvoraks Serenade op. 44, den Streichern in dessen Opus 68 («Waldesruhe») und dem Tecch- ler-Trio im Klaviertrio von Dieter Ammann (2004/05) zu lauschen. Ludwig van Beethovens Tripel- konzert «Grand Concerto Concer- tant» op. 56 schliesslich führte un- ter der Leitung von Konzertmeis- ter Alexander Sitkovetsky zu ei- nem zugleich virtuosen und tem- peramentvollen, dynamisch ab- wechslungsreichen und musika- lisch spannungsvollen Ereignis, dem die innigen, beinahe lasziv anmutenden Momente im Largo zusätzlich Glanz verliehen. Nach vollen Rängen in der Zürcher Tonhalle besuchten die Musikerinnen und Musiker die kleine Dorfkirche.
in Arosa – Spitzenensembles gas- tieren inzwischen vor den Haustü- ren der Bündner Musikfans! Spon- tane Standing Ovations führten zur Zugabe mit einem Werk des tsche- chischen Geigers und Komponis- ten Josef Suk, dessen Lehrer und Schwiegervater Dvorak war; wo- mit der Bezug zum ersten Stück dieses Konzertabends überzeu- gend gelang.
Virtuoser Auftakt
Einem der Festivalziele, Bünd- ner Musiker mit (inter-)nationalen Grössen zusammenzuführen, wur- de der Kulturkreis Arosa bereits beim Eröffnungskonzert vom Samstag gerecht. Mit welcher Be- geisterung Flurin Caviezel, Ak- kordeon, und Franco Mettler, Kla- rinette, und die Geigerin Bettina Boller dieses Projekt mit dem ori- ginellen Titel «Veracini con Rossi- ni al dente» anpackten, war bei diesem vielfältigen Konzert von A bis Z zu spüren. Und alle drei Künstler stellten dabei nicht nur ihre technische Virtuosität, son- dern auch ihre grosse Musikalität unter Beweis.